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Jaurès

Es gibt Filme, auf die hat man sein hal­bes Leben lang gewar­tet. Das weiß man aber meis­tens erst, nach­dem man sie gese­hen hat. Mir ging es so mit Jau­rès von Vin­cent Dieutre. Was mir mit die­sem Film begeg­net, hat auf der Ber­li­nale sogleich Ein­spruch und Unwohl­sein bei eini­gen Zuschauer_innen pro­vo­ziert. Der Film ist eine fast schon halt­lose sub­jek­tive Schwel­ge­rei über die Liebe zu einem, der nun weg ist, die auf Bil­der und Über­le­gun­gen zu afgha­ni­schen Flücht­lin­gen trifft, die zufäl­lig am Kanal vor der Tür kam­pie­ren und auf die Klä­rung ihres Auf­ent­halts­sta­tus war­ten. Genau diese Kon­fron­ta­tion aus poe­ti­scher uns per­sön­lichs­ter Lie­bes­schwel­ge­rei und hoch­po­li­ti­schen Auf­nah­men von denen drau­ßen vor der Tür, ist nicht bei allen gut ange­kom­men. Was hat das mit­ein­an­der zu tun: die bewe­gende und offen­bar für die Betei­lig­ten ein­ma­lige und her­aus­for­derne Liebe zwi­schen zwei Män­nern und der Zustand amerikanisch-europäischer Poli­tik, der nie­mand so hart trifft, wie die Ille­ga­len, die dort unter einer Brü­cke hau­sen? Es hat wahr­schein­lich nichts mit­ein­an­der zu tun, außer, dass sich bei­des in Sicht­weite zuträgt. Wie kann man auf das eine bli­cken ohne das andere zu sehen? Dieutre wagt die­sen Blick, jedoch nicht allein und nicht ohne Netz und dop­pel­ten Boden. Er holt sich Éva Truf­faut in ein Stu­dio, zeigt ihr den Film und spricht mit ihr über die Bil­der, die sie und wir sehen. Immer wie­der fragt sie, was auf den Bil­dern zu sehen ist, wann sie ent­stan­den, wie er sie inter­pre­tiert. Diese dop­pelte Geste der Bild­be­schrei­bung und Bild­be­fra­gung wird auch im Mate­rial selbst wie­der­holt. Ein­mal erklärt eine männ­li­che Stimme einer ande­ren, was sie da gerade filmt und was sie an ein paar far­bi­gen Fens­tern auf der ande­ren Seite fil­mens­wert fin­det. Die Film­be­schrei­bung aus dem Stu­dio wid­met sich abwech­selnd bei­den Aspek­ten: dem Schick­sal der afgha­ni­schen Flücht­linge und dem Ver­hält­nis des Erzäh­lers zu sei­nem Gelieb­ten Simon. Der Blick auf die Afgha­nen ist ein Blick von oben herab: vom Fens­ter auf die Straße. Sie blei­ben fremd dort unten, es sind eben die Afgha­nen und keine Leute mit eige­nen Namen oder eige­nen Geschich­ten. Wäh­rend Simon als frei­wil­li­ger Akti­vist Ille­ga­len hilft, kann der Fil­mer seine Dis­tanz nicht über­win­den. Man kann ihn dafür ver­ur­tei­len, aber er macht kei­nen Hehl dar­aus, son­dern setzt sich und uns der Kon­fron­ta­tion zwi­schen dem klei­nen Glück und der gro­ßen Poli­tik aus. Diese Per­spek­tive allein reicht nicht aus, um zu ver­ste­hen, was mit Euro­pas Ein­wan­de­rungs­po­li­tik los ist und sie hilft auch den Flücht­lin­gen nicht, die auf euro­päi­schem Ter­ri­to­rium ohne jede recht­li­che und poli­ti­sche Unter­stüt­zung leben müs­sen. Sie ist mir aber alle­mal lie­ber, als die große mora­li­sche Keule, die man­cher Doku­men­tar­film vor sich her trägt, der sich für sei­nen Mut fei­ern lässt, dem Lei­den ein Gesicht gege­ben zu haben oder der­glei­chen. Filme die­ser Art bewe­gen vor allem im Feuille­ton etwas, weni­ger aber dort, wo Dieu­tres Kamera hin­blickt. Nach­dem ich einen Film wie Jau­rès gese­hen habe, kann ich bes­ser ver­ste­hen, was mich darin hin­dert in Fäl­len wie die­sem selbst zum Akti­vis­ten zu wer­den. Ich habe das Gefühl, dass ich mehr begrif­fen habe, wenn ich dabei zuse­hen kann, wie wun­der­bare Lie­bes­ge­dichte und poe­ti­sche Reflek­tio­nen über schwule Liebe in Sicht­weite poli­ti­scher Unge­rech­tig­kei­ten ange­stellt wer­den, weil so die Welt ist, in der wir bis auf wei­te­res Leben: wun­der­schön und unerträglich.

Jau­rès (FR 2012)
R,B, K: Vin­cent Dieutre
K: Jeanne Lapoirie
D: Éva Truf­faut, Vin­cent Dieutre
83 min, Forum

Revision

Jedes doku­men­ta­ri­sche Film­for­mat muss eine Hal­tung zu den Wahr­heits­ef­fek­ten ein­neh­men, die es not­wen­di­ger­weise pro­du­ziert. Selbst wenn Filme The­sen, Ein­stel­lun­gen, Aus­sa­gen zurück­wei­sen, pro­du­zie­ren sie darin posi­ti­ves Wis­sen: so ist es nicht gewe­sen. Statt zu fra­gen, wel­ches Wis­sen, wel­che Wahr­heit bestimmte Filme pro­du­zie­ren, rekon­stru­ie­ren oder ver­leug­nen, müsste man viel­leicht danach fra­gen, wie sich Filme zu ihren Aus­sa­ge­ak­ten ver­hal­ten und deren Wahr­heits­spiele selbst reflek­tie­ren. In Revi­sion lässt Phi­lip Scheff­ner die Aus­sa­gen sei­nes Films von einem Ver­fah­ren kom­men­tie­ren, das bereits im Titel benannt ist: alle Per­so­nen, die inter­viewt wer­den, hören sich ihre eige­nen Aus­sa­gen kurz nach der Auf­zeich­nung an und wer­den dabei wie­der gefilmt. Sie kön­nen Zusätze machen, sich selbst erklä­ren oder ein­fach nur zur Bestä­ti­gung des Gesag­ten nicken. Die Ein­drü­cke und Erin­ne­run­gen wer­den damit zu mehr. Sie wer­den zu bestä­tig­ten Ein­drü­cken und Erin­ne­run­gen und kön­nen einen ande­ren Wahr­heits­ge­halt bean­spru­chen, als ein­fach nur Dahin­ge­sag­tes. Die Geste sagt: die Leute, die hier spre­chen, wis­sen was sie sagen und sie wis­sen, dass das Gesagte in einem Film erschei­nen wird. Und sie sagt: die Fil­me­ma­cher, wis­sen was sie tun, weil sie das Ergeb­nis ihrer fil­mi­schen Recher­che sofort wie­der in diese ein­spie­len und es unter Anwe­sen­heit des Films einer Wahr­heits­probe unter­zie­hen.
Ein zwei­tes fil­mi­sches Moment von Revi­sion: nichts ist von Anfang an gege­ben. Der Film erklärt erst, wie alles funk­tio­niert, indem er die Inter­view­ten ein­mal zeigt und sie spre­chen lässt und dann, indem wir die selbe Per­son sehen, aber nur mit hör­bar räum­li­chem Klang ihre Stimme hören. Und was für sein metho­di­sches Vor­ge­hen gilt, trifft erst recht auf seine Inhalte zu. Die Details der Morde aus dem Jahr 1992 wer­den nach und nach frei­ge­legt. Immer wie­der hören wir eine im übri­gen nicht wei­ter ein­ge­ord­nete Erzäh­ler­stimme, die immer prä­zi­ser beschreibt, wie die bei­den Rumä­nen bei ihrem nächt­li­chen Grenz­über­tritt von zwei Hob­by­jä­gern erschos­sen wur­den. Das hat etwas Ten­ta­ti­ves, das sich nach und nach in Raum und Zeit des Films ent­fal­tet.
Wenn diese Beglau­bi­gungs– und Annä­he­rungs­ver­fah­ren auch etwas Zwin­gen­des haben, dem ich mich beim Sehen nicht wider­set­zen kann und das mir stel­len­weise etwas Unwohl­sein berei­tet, ist der Film keine jener Fak­ten­schleu­dern, die am Ende zwei­fels­frei aus­ge­gra­ben haben wer­den, was wirk­lich und wahr­haf­tig gesche­hen ist. Es bleibt etwas Irre­du­zi­bles, das hin­ter dem Schmerz der Ange­hö­ri­gen, unter der Schlam­pe­rei der Ermitt­lun­gen, laten­ter und offe­ner Aus­län­der­feind­lich­keit und schließ­lich zwan­zig ver­gan­ge­nen Jah­ren nicht her­vor­zu­ho­len ist. Das wird nicht nur deut­lich in den zahl­rei­chen sich wider­spre­chen­den oder ein­an­der kor­ri­gie­ren­den Aus­sa­gen, die der Film neben­ein­an­der stellt, den enig­ma­ti­schen Bil­dern, die immer wie­der neu inter­pre­tiert wer­den. Letzt­lich legt der Film all das in eine Kette aktu­el­ler Bil­der vom dama­li­gen Tat­ort. Um das Feld herum ste­hen einige große Wind­rä­der, deren Schat­ten über das Feld und das angren­zende Wäld­chen zie­hen und deren die Luft zer­schnei­den­des, rhyth­mi­sche Geräusch den Puls des Films oft struk­tu­riert. Je län­ger der Film dau­ert, um so häu­fi­ger kommt er zu die­sen Rädern in Detail­auf­nah­men zurück, die irgend­wann zu rei­nen rhyth­mi­sier­ten ästhe­ti­schen For­men wer­den: als Schat­ten im Gegen­licht, als rotes Blin­ken in schwar­zer Nacht, als weiß-rote Klap­pen, die den blauen Him­mel durch­pflü­gen. Es blei­ben rät­sel­hafte Bil­der, die an das rüh­ren, was 1992 hier gesche­hen ist, es aber weder erset­zen noch ver­söh­nen kön­nen oder wol­len. Auf­ge­ho­ben wer­den die Erin­ne­run­gen an die Ermor­de­ten aus­ge­rech­net in einem Kino, in dem sich nichts so gut wie Mord­ge­schich­ten und absicht­lich offene oder ver­dop­pelte Iden­ti­tä­ten ver­kauft. Am Anfang des Fil­mes sehen wir ein Mais­feld, das unter ohren­be­täu­ben­dem Lärm abge­ern­tet wird und bei dem alle Asso­zia­tio­nen von Tat­ort über siche­res Ver­steck, bis zu bana­ler Bau­ern­land­schaft dabei sind. Es ist aber unter ande­rem das berühm­teste Mais­feld aller Zei­ten. Die bedrü­ckend wirk­li­che Räu­ber­pis­tole aus Bran­den­burg ist von der deutsch-polnischen Grenze nicht wei­ter ent­fernt als von North by Northwest. Scheff­ner ist klug genug, sich dem nicht zu ver­schlie­ßen und einen offen­si­ven Umgang damit zu suchen, der dem ganze Pro­jekt nichts von sei­ner poli­ti­schen Schlag­kraft nimmt, son­dern es ganz im Gegen­teil als jenes Pro­jekt fil­mi­scher Klar­sicht mar­kiert, das es in sei­ner per­ma­nen­ten Selbst-Revision ist.

Revi­sion (D 2012)
R: Phi­lip Scheff­ner
B: Merle Krö­ger, Phi­lip Scheff­ner
K: Bernd Mei­ners
106 min, Forum.

Herzensbrecher

Man kann es machen wie Marie: man hat alles gese­hen, man demons­triert seine Abge­klärt­heit nach allen Zei­ten und Rich­tun­gen, indem man nicht nur retro trägt, son­dern auch genau weiß, wel­chen Film man damit zitiert. Der Geschmack ist sicher: gute Schau­spie­ler kann man von schlech­ten unter­schei­den, immer weiß man das rich­tige Gedicht, zum Auf­sa­gen und zum […]

Wer wenn nicht wir. So nicht!

Die­sen Film kann man nur sich selbst kom­men­tie­ren las­sen: »Wer braucht das?« Und: »Du bist ein satu­rier­ter Sack!« Deut­sche Schau­spie­ler mit schlech­ten Per­rü­cken, ästhe­ti­sches Rum­ge­fi­cke, bei dem die sel­ben Schau­spie­ler inein­an­der ver­schlun­gen am nächs­ten Mor­gen auf­wa­chen. Dazwi­schen sinn­lo­ses Doku­men­tar­ma­te­rial mit Rock’n’Roll. Dass sich über den Deut­schen Links­ter­ro­ris­mus nichts her­aus­fin­den lässt, wenn man ihn als wahnsinnige […]

Abwesend: der gute Film

Die am wei­tes­ten ver­brei­tete und hef­tig kri­ti­sierte frau­en­feind­li­che Erzäh­lung des Kinos geht unge­fähr so: in einem von Män­nern domi­nier­ten Mil­lieu (also gern Armee, Schule, Uni­ver­si­tät oder ähnli­ches) taucht eine Frau auf, die den treu der Gemein­schaft die­nen­den Män­nern gefähr­lich wird, weil sie nicht nur ein Begeh­ren hat, son­dern die­ses an den gerade ver­füg­ba­ren Män­nern auch […]

Day is Done

Ver­mut­lich glau­ben außer mir noch mehr Men­schen, das eigene Leben sei etwas, das sich irgend­wie in uns abspielt. Unsere Gedan­ken und Vor­stel­lun­gen, Wün­schen und Erwar­tun­gen, die Stimme, mit der wir uns Mut zuspre­chen oder zu blöd­sin­ni­gen Aktio­nen über­re­den: alles in uns. Wie ver­hält sich die­ses innere Leben aber zu dem, was sich drau­ßen, sagen wir, […]