neue Artikel
Killing Them Softly

Wer die sind, von denen der Titel sagt, dass sie sanft umge­bracht wer­den, ist nicht ganz klar. Es sind natür­lich die unter­schied­li­chen Gangs­ter­trot­tel, die frü­her oder spä­ter vor Brad Pitts Mün­dung auf­tau­chen. Von sanf­tem Töten ist hier aber keine Rede mehr, auch wenn er kurz vor­her noch lang und breit erklärt hat, dass er die Leute am liebs­ten aus der Ent­fer­nung umbringt, damit er ihr Geheule nicht mit anhö­ren muss. Statt­des­sen krie­gen sie ihre Kugeln von ihm alle aus nächs­ter Nähe ser­viert. Und immer ein paar mehr als not­wen­dig.
Viel­leicht bezieht sich der Titel auch auf das, was der Film ins­ge­samt hier ins Visier nimmt. Neben »Kil­ling Them Softly« sehen näm­lich Filme wie Taran­ti­nos diverse Mafia-Gangster-Klamotten oder Guy Rit­chies »Snatch« oder »Tin­ker Tailor Sol­dier Spy« und viel­leicht sogar »Fargo« von den Coens ziem­lich fad aus. Taran­tino voran hat wie kein ande­rer die Kunst des iro­ni­schen Tötens, der geschliffen-coolen Slang-Dialoge und der bedin­gungs­lo­sen Ästhe­ti­sie­rung flie­gen­den, sprit­zen­den und her­vor­quel­len­den Blu­tes auf die Spitze getrie­ben. Kein Genre ist vor ihm sicher und seine Fähig­keit alles, wirk­lich alles in Kino zu über­set­zen ist so treff­si­cher, dass es letzt­lich kein Genre und kei­nen Gegen­stand zu geben scheint, an dem er sich aus­to­ben darf. (Wir war­ten nur noch auf Tarantino-Science-Fiction.) Nur damit es keine Miss­ver­ständ­nisse gibt: ich bin ein gro­ßer Fan Taran­ti­nos. Nach all den Fil­men und all den iro­ni­schen Umdeu­tun­gen darf man aber viel­leicht ein­mal die Frage stel­len, ob allein die Fähig­keit etwas tun zu kön­nen, schon genug Grund dafür ist, es dann tat­säch­lich auch zu tun.
Die deut­schen Unter­ti­tel unter­strei­chen And­rew Domi­niks Stra­te­gie auf fast schon pene­trante Weise. Die immer wie­der in Bild und Ton gesetz­ten Radio– und Fern­seh­schnip­sel diver­ser Reden ame­ri­ka­ni­scher Poli­ti­ker aus der Zeit des Aus­bruchs der Finanz­krise 2008 sind hier alle über­setzt, so dass kaum die Mög­lich­keit besteht, an ihnen vor­bei­zu­hö­ren. Domi­nik sucht aus­drück­lich die Begeg­nung mit der Rea­li­tät, in der seine Zuschauer_innen wohl­mög­lich sit­zen oder gerade geses­sen haben. Er ist sich am Ende nicht ein­mal zu fein dafür, Brad Pitt abso­lu­ten Klar­text spre­chen zu las­sen: »Ame­rica isn’t a coun­try. It’s a busi­ness.« Das könnte leicht zu einem staub­tro­cke­nen, über­am­bi­tio­nier­ten Pseu­do­lehr­stück wer­den. Domi­nik weiß aber was er tut. Und so sind seine Gangster-Dialoge genau so abge­brüht und voll­ge­stopft mit immer zün­den­den Poin­ten, wie man das für jeden gelun­ge­nen Film die­ses Gen­res erwar­ten darf. Ihm fällt auch eine durch­aus neue und atem­be­rau­bende Cho­reo­gra­fie für einen auto­schei­ben­split­tern­den Mord in Supers­low­mo­tion ein, bei der man sogar den Mecha­nis­mus einer voll­au­to­ma­ti­schen Waffe bestau­nen kann. An der Stelle, an der Taran­tino seine Hel­den sieg­reich in den Son­nen­un­ter­gang rei­ten las­sen und noch ein geist­rei­ches Zitat in den Sound­track ste­cken würde, lässt Domi­nik das so hart dra­ma­tur­gisch an die Wand knal­len, wie die Stahl­tü­ren, die sich am Schluss hin­ter den ver­wüs­te­ten Lei­chen schlie­ßen. Wo Taran­ti­nos Blut immer Kino­blut ist und sein gan­zes Bemü­hen eine Arbeit am Sym­bo­li­schen ist, dort macht Domi­nik ernst und ver­sucht Kon­se­quen­zen zu zie­hen. Taran­ti­nos Lei­chen­berge haben sich irgend­wie immer schon in Kino­bil­dern ver­flüch­tigt. Bei Domi­nik müs­sen sie besei­tigt wer­den. Und des­halb löst sich hier auch dra­ma­tur­gisch nichts. Die Pro­bleme sind am Ende kein Stück klei­ner gewor­den als am Anfang und jedem ist klar, dass Brad Pitts ziem­lich ener­gisch vor­ge­tra­gene Auf­for­de­rung »So pay me, mother­fu­cker!« sowohl für ihn als auch für sein Gegen­über eher Anfang als Ende gewalt­tä­ti­ger Aus­ein­an­der­set­zun­gen ist. Es gelingt ihm in ein und dem­sel­ben Film ein Kabi­nett­stück nach dem ande­ren abzu­feu­ern und das gleich­zei­tig um die ein­drück­lichs­ten Rea­li­täts­fet­zen anzu­rei­chern, die hier immer wie­der auch aus den deso­la­ten Loca­ti­ons New Orleans’ prä­pa­riert wer­den.
»Kil­ling them softly« ist, was der Titel ver­spricht: para­dox, gewalt­tä­tig, mit Augen­zwin­kern, ernst­haft im bes­ten Sinn. Es ist ein Film, der an kei­ner Stelle seine Genre­her­kunft ver­leug­net aber für ein­mal ver­sucht zu ergrün­den, was jen­seits der Kino­säle und jen­seits noch so furios dekon­stru­ier­ter Kino­re­geln zu fin­den sein könnte.

Jaurès

Es gibt Filme, auf die hat man sein hal­bes Leben lang gewar­tet. Das weiß man aber meis­tens erst, nach­dem man sie gese­hen hat. Mir ging es so mit Jau­rès von Vin­cent Dieutre. Was mir mit die­sem Film begeg­net, hat auf der Ber­li­nale sogleich Ein­spruch und Unwohl­sein bei eini­gen Zuschauer_innen pro­vo­ziert. Der Film ist eine fast schon halt­lose sub­jek­tive Schwel­ge­rei über die Liebe zu einem, der nun weg ist, die auf Bil­der und Über­le­gun­gen zu afgha­ni­schen Flücht­lin­gen trifft, die zufäl­lig am Kanal vor der Tür kam­pie­ren und auf die Klä­rung ihres Auf­ent­halts­sta­tus war­ten. Genau diese Kon­fron­ta­tion aus poe­ti­scher uns per­sön­lichs­ter Lie­bes­schwel­ge­rei und hoch­po­li­ti­schen Auf­nah­men von denen drau­ßen vor der Tür, ist nicht bei allen gut ange­kom­men. Was hat das mit­ein­an­der zu tun: die bewe­gende und offen­bar für die Betei­lig­ten ein­ma­lige und her­aus­for­derne Liebe zwi­schen zwei Män­nern und der Zustand amerikanisch-europäischer Poli­tik, der nie­mand so hart trifft, wie die Ille­ga­len, die dort unter einer Brü­cke hau­sen? Es hat wahr­schein­lich nichts mit­ein­an­der zu tun, außer, dass sich bei­des in Sicht­weite zuträgt. Wie kann man auf das eine bli­cken ohne das andere zu sehen? Dieutre wagt die­sen Blick, jedoch nicht allein und nicht ohne Netz und dop­pel­ten Boden. Er holt sich Éva Truf­faut in ein Stu­dio, zeigt ihr den Film und spricht mit ihr über die Bil­der, die sie und wir sehen. Immer wie­der fragt sie, was auf den Bil­dern zu sehen ist, wann sie ent­stan­den, wie er sie inter­pre­tiert. Diese dop­pelte Geste der Bild­be­schrei­bung und Bild­be­fra­gung wird auch im Mate­rial selbst wie­der­holt. Ein­mal erklärt eine männ­li­che Stimme einer ande­ren, was sie da gerade filmt und was sie an ein paar far­bi­gen Fens­tern auf der ande­ren Seite fil­mens­wert fin­det. Die Film­be­schrei­bung aus dem Stu­dio wid­met sich abwech­selnd bei­den Aspek­ten: dem Schick­sal der afgha­ni­schen Flücht­linge und dem Ver­hält­nis des Erzäh­lers zu sei­nem Gelieb­ten Simon. Der Blick auf die Afgha­nen ist ein Blick von oben herab: vom Fens­ter auf die Straße. Sie blei­ben fremd dort unten, es sind eben die Afgha­nen und keine Leute mit eige­nen Namen oder eige­nen Geschich­ten. Wäh­rend Simon als frei­wil­li­ger Akti­vist Ille­ga­len hilft, kann der Fil­mer seine Dis­tanz nicht über­win­den. Man kann ihn dafür ver­ur­tei­len, aber er macht kei­nen Hehl dar­aus, son­dern setzt sich und uns der Kon­fron­ta­tion zwi­schen dem klei­nen Glück und der gro­ßen Poli­tik aus. Diese Per­spek­tive allein reicht nicht aus, um zu ver­ste­hen, was mit Euro­pas Ein­wan­de­rungs­po­li­tik los ist und sie hilft auch den Flücht­lin­gen nicht, die auf euro­päi­schem Ter­ri­to­rium ohne jede recht­li­che und poli­ti­sche Unter­stüt­zung leben müs­sen. Sie ist mir aber alle­mal lie­ber, als die große mora­li­sche Keule, die man­cher Doku­men­tar­film vor sich her trägt, der sich für sei­nen Mut fei­ern lässt, dem Lei­den ein Gesicht gege­ben zu haben oder der­glei­chen. Filme die­ser Art bewe­gen vor allem im Feuille­ton etwas, weni­ger aber dort, wo Dieu­tres Kamera hin­blickt. Nach­dem ich einen Film wie Jau­rès gese­hen habe, kann ich bes­ser ver­ste­hen, was mich darin hin­dert in Fäl­len wie die­sem selbst zum Akti­vis­ten zu wer­den. Ich habe das Gefühl, dass ich mehr begrif­fen habe, wenn ich dabei zuse­hen kann, wie wun­der­bare Lie­bes­ge­dichte und poe­ti­sche Reflek­tio­nen über schwule Liebe in Sicht­weite poli­ti­scher Unge­rech­tig­kei­ten ange­stellt wer­den, weil so die Welt ist, in der wir bis auf wei­te­res Leben: wun­der­schön und unerträglich.

Jau­rès (FR 2012)
R,B, K: Vin­cent Dieutre
K: Jeanne Lapoirie
D: Éva Truf­faut, Vin­cent Dieutre
83 min, Forum

Revision

Jedes doku­men­ta­ri­sche Film­for­mat muss eine Hal­tung zu den Wahr­heits­ef­fek­ten ein­neh­men, die es not­wen­di­ger­weise pro­du­ziert. Selbst wenn Filme The­sen, Ein­stel­lun­gen, Aus­sa­gen zurück­wei­sen, pro­du­zie­ren sie darin posi­ti­ves Wis­sen: so ist es nicht gewe­sen. Statt zu fra­gen, wel­ches Wis­sen, wel­che Wahr­heit bestimmte Filme pro­du­zie­ren, rekon­stru­ie­ren oder ver­leug­nen, müsste man viel­leicht danach fra­gen, wie sich Filme zu ihren Aussageakten […]

Herzensbrecher

Man kann es machen wie Marie: man hat alles gese­hen, man demons­triert seine Abge­klärt­heit nach allen Zei­ten und Rich­tun­gen, indem man nicht nur retro trägt, son­dern auch genau weiß, wel­chen Film man damit zitiert. Der Geschmack ist sicher: gute Schau­spie­ler kann man von schlech­ten unter­schei­den, immer weiß man das rich­tige Gedicht, zum Auf­sa­gen und zum […]

Wer wenn nicht wir. So nicht!

Die­sen Film kann man nur sich selbst kom­men­tie­ren las­sen: »Wer braucht das?« Und: »Du bist ein satu­rier­ter Sack!« Deut­sche Schau­spie­ler mit schlech­ten Per­rü­cken, ästhe­ti­sches Rum­ge­fi­cke, bei dem die sel­ben Schau­spie­ler inein­an­der ver­schlun­gen am nächs­ten Mor­gen auf­wa­chen. Dazwi­schen sinn­lo­ses Doku­men­tar­ma­te­rial mit Rock’n’Roll. Dass sich über den Deut­schen Links­ter­ro­ris­mus nichts her­aus­fin­den lässt, wenn man ihn als wahnsinnige […]

Abwesend: der gute Film

Die am wei­tes­ten ver­brei­tete und hef­tig kri­ti­sierte frau­en­feind­li­che Erzäh­lung des Kinos geht unge­fähr so: in einem von Män­nern domi­nier­ten Mil­lieu (also gern Armee, Schule, Uni­ver­si­tät oder ähn­li­ches) taucht eine Frau auf, die den treu der Gemein­schaft die­nen­den Män­nern gefähr­lich wird, weil sie nicht nur ein Begeh­ren hat, son­dern die­ses an den gerade ver­füg­ba­ren Män­nern auch […]