Man kann es machen wie Marie: man hat alles gesehen, man demonstriert seine Abgeklärtheit nach allen Zeiten und Richtungen, indem man nicht nur retro trägt, sondern auch genau weiß, welchen Film man damit zitiert. Der Geschmack ist sicher: gute Schauspieler kann man von schlechten unterscheiden, immer weiß man das richtige Gedicht, zum Aufsagen und zum verschicken. Wenn einer versucht einem etwas Nettes zu sagen, klappt das meistens nicht, weil man weiß, von wo er falsch zitiert. Im Gespräch ist es sinnvoll, das Gegenüber darauf hinzuweisen, wenn man etwas nur als Metapher meint. Die Haare hochgesteckt, die Zigaretten stilecht aus dem Etui, gibt es nichts, was durch diese vollendete Stilwand brechen könnte und müsste. Selbst wenn man allein ist, wenn das Alleinsein in den Seiten sticht, wenn man das eigene Spiegelbild nicht mehr sehen kann, wird Haltung bewahrt. Es ist alles bloß eine Metapher. Am Ende bleibt nur der Smog einer Zigarette, der die ganze Scheiße zurückhält. Mundhalten und rauchen.
Man kann es auch machen wie Francis: solang man nicht selbst weiß, wer man ist und was man will, geht man mit einem Foto von James Dean zum Friseur, damit hinterher jemand sagen kann: Du siehst gut aus. Dass man sich nach ihm, nach etwas, einer Berührung, einem Kuss sehnt, weiß man. Aber statt es ihm zu sagen, fingiert man zufällige Begegnungen. Am Ende würde es wohl eh nur heißen: wie kommst du darauf, dass ich schwul bin. Solang man sich nicht einmal selbst berühren kann, muss man Striche an die Wand machen. Bei Derek Jarman heißt es einmal: »It is a look no one can understand unless he has stood till 5 a.m. in a gay bar hoping to be fucked by that hero. The gaze of the passive homosexual at the object of his desire, he waits to be chosen, he cannot make the choice. Later his head will be cut off by a less godlike version of the young assassin; his name is now David and all the weight of society is behind him and he can cut off the head without a trace of pity.«
Es geht, bei all dem, was Marie und Francis tun um etwas, das sich nur in einem Satz aussprechen lässt, von dem Roland Barthes gesagt hat: »Das Wort (das Satz-Wort) hat nur in dem Augenblick Bedeutung, da ich es ausspreche; es bietet keine andere Information als seine unmittelbare Äußerung. […] Die Situationen, in denen ich ich-liebe-dich sage, lassen sich nicht klassifizieren.« Wenn Marie und Francis sich zu dieser Sache so verhalten können, wenn Roland so über diese Sache sprechen kann, was soll man dann noch mit ihr anfangen, dieser Liebe? Sie ist eine Rumpelkammer voller Gedicht und Schauspiele, voller Filme und roter Farbe und Zitate über die Löffelchenstellung. Nichts ist zu ihr noch nicht gesagt. Immer hat eine schon mehr geliebt als man selbst. Im Anbetracht von viertausend Jahren Liebe ist alles abgeschmackt, was einem selbst noch dazu einfallen könnte. Liebe gibt es nur noch als Secondhandware.
Das macht aber nichts. Weil nämlich immer wieder Leute wie Xavier Dolan ankommen, und diese ganze Staffage so zusammenstellen, dass man die abgelegtesten Zitate liest wie beim ersten Mal. Liebe ist, was sich immer neu anfühlt. Alle, die das glauben und alle die es nicht glauben: ab ins Kino. Herzensbrecher schauen.
Herzensbrecher
CND, 2011
R: Xavier Dolan
K: Stéphanie Weber-Biron
S: Xavier Dolan
D: Monia Chokri, Niels Schneider, Xavier Dolan